Die Leistungsgesellschaft stirbt – und das ist auch gut so

Worüber definiert ihr euch, was macht euch aus? Viele Menschen füllt es aus, dass sie Eltern sind und Kinder großziehen, andere — und das dürfte die große Mehrheit sein — definieren sich über ihre Arbeit. Weil sie etwas machen, was ihnen nicht nur Geld bringt, sondern sie bestenfalls auch ausfüllt und sie zu einem wertvollen Teil der Gesellschaft macht. Ich kenne selbst genügend Beispiele von Menschen, die in Rente gehen und sich dadurch plötzlich und unerwartet ihres Lebenssinns beraubt sehen. Oft genug weiß man dann nichts mehr mit sich anzufangen bzw. hat keine Idee, wie man all die Stunden ausfüllen soll, die der Tag plötzlich hat.

Gleichzeitig wird uns aber auch unwohl, wenn jemand wenig oder gar nichts tut, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wir Menschen sind darauf konditioniert, dass wir arbeiten gehen und diese Arbeit uns unser Leben ermöglicht, egal auf welchem Level sich dieses Leben dann letzten Endes abspielt.

Aber wir sind gesellschaftlich an einem Punkt angelangt, an dem sich dieses Bild fundamental wandeln könnte. Ja genau — ich rede vom Ende der Leistungsgesellschaft, wie wir sie kennen. Das hängt selbstverständlich auch mit dem technischen Fortschritt zusammen — dem Teil der Veränderung, dem wir hier auf dem Blog erfahrungsgemäß mehr Tribut zollen als dem gesellschaftlichen.

Aber ich möchte euch jetzt gar nicht wieder von der Notwendigkeit eines Grundeinkommens überzeugen und euch davon berichten, dass die technische Entwicklung in den nächsten Jahren Millionen Jobs verschlingen wird, die dann Roboter übernehmen. Stattdessen möchte ich euch auf ein Essay hinweisen, welches ich auf Spiegel Online gelesen habe und das von Stefan Schultz verfasst wurde.

Dort wird auf den Wandel der Gesellschaft eingegangen, aber mit dem Blick auf unsere Persönlichkeit. Die Ich-Entwicklung, geprägt von Jane Loevinger, war mir bis dato überhaupt kein Begriff, ebenso wenig daher auch logischerweise die unterschiedlichen Stufen, auf denen sich unsere Persönlichkeiten befinden und wie sich diese Stufen unterscheiden. Lest euch vielleicht selbst kurz auf Wikipedia ein, wenn ihr euch für das Thema interessiert. Ansonsten reicht aber auch der Blick auf das Spiegel-Essay.

Der entscheidende Teil dieser Ich-Entwicklungs-Geschichte: Diese verschiedenen Stufen prägen die Gesellschaft, in der man lebt. Die Entwicklungsstufen 1 und 2 (es geht bei der Definition auf Wikipedia bis rauf zu Stufe E10, in dieser PDF-Datei werden hingegen neun Stufen unterschieden) sind zu vernachlässigen, treffen im Wesentlichen nur noch für kleine Kinder zu. Die Stufe E3 hingegen ist eine, die auch in westlichen Nationen noch vorkommt, etwa fünf Prozent der Bevölkerung in zivilisierten, entwickelten Ländern in Mittel- und Westeuropa bzw. Nordamerika finden sich auf dieser Stufe wieder. Ich kopiere euch hier jetzt mal die Definition dieser Stufe rein — sagt mir, ob ihr jemals eine bessere Beschreibung des US-Präsidenten Donald Trump gelesen habt:

Eigener Vorteil steht im Vordergrund, andere Menschen werden als Mittel zu eigener Bedürfnisbefriedigung gesehen, weniger als Wert an sich, opportunistisches Verhalten anderen gegenüber.

Eher kurzer Zeithorizont, Focus liegt zumeist auf konkreten Dingen (weniger abstrakten Aspekten), Feedback wird meist zurückgewiesen, stark stereotypes Handeln, Auge-um-Auge-Mentalität, überwiegend externale Schuldzuweisungen.

Auf der nächsthöheren Stufe 4 (etwa 12 Prozent) wird es dann schon etwas besser, aber hier ist das Schwarz-Weiß-Denken besonders ausgeprägt. Schultz schreibt, dass auch hier die Akzeptanz anderer entscheidend für das eigene Selbstwertgefühl ist und dass man Andersdenkenden mit Argwohn begegnet. Wenn man die grob vermuteten Bevölkerungsanteile der Stufen 3 und 4 addiert, kommt man bei 17 Prozent raus. Ohne eine Partei hervorheben zu müssen, deckt sich diese Zahl ziemlich genau mit dem Wählerpotenzial,  welches man mit diesen Attributen (Schwarz-Weiß-Denken, einfache Lösungen propagieren, Auge-um-Auge-Mentalität usw) erreichen kann.

Der Löwenanteil in unserer westlich geprägten Gesellschaft verteilt sich auf die Stufen E5 (38 Prozent) und E6 (30 Prozent). Bei E5-Menschen herrscht Pragmatismus vor und der Wille, Wissen anzuhäufen. Bei E6 hingegen beginnt es, dass man mehr differenziert, Motive hinterfragt, selbstkritischer wird.

Entwicklungspsychologischen Studien zufolge sind zum Beispiel Denkkonzepte wie Ethnozentrismus und Autoritätsgläubigkeit auf den Stufen E4 und E5 stark ausgeprägt und nehmen danach rapide ab. Ebenso verhält es sich mit moralistischen Einstellungen wie dem Ablehnen von Abtreibungen oder außerehelichem Sex und mit traditionellen Rollen- und Geschlechtervorstellungen. Stefan Schultz, Spiegel

Wie sich eine Gesellschaft präsentiert, hängt logischerweise damit zusammen, welche Stufe(n) am ausgeprägtesten sind, in unserem Fall eben E5 und E6, die zusammen mehr als zwei Drittel der Bevölkerung ausmachen. Auf die nächste Stufe — E7 — verteilen sich gerade mal zehn Prozent der Menschen in westlichen Nationen.

Wer sich auf dieser Stufe befindet, bringt eine größere Offenheit für andere Meinungen und Lebensweisen mit und versucht vornehmlich, sich selbst zu verwirklichen. Das bedeutet, dass Populisten derzeit auch in Deutschland noch mehr Menschen erreichen können auf niedrigeren Entwicklungs-Stufen als diejenigen, die sich um den “E7- und höher”-Teil des Volkes kümmern.

Aber das kippt eben derzeit. Alternative soziale Modelle werden immer populärer diskutiert, Menschen wie der Philosoph Precht beschreiben sowohl den technischen als auch den damit einhergehenden gesellschaftlichen Wandel und sorgen damit dafür, dass mehr und mehr Menschen sich dieser Stufe nähern.

So sehr die Studien zur Einteilung in diese Stufen auch trocken und theoretisch daherkommen, so sehr spürt man aber auch, dass sich die Welt verändert. Im Essay wird allerdings auch berücksichtigt, dass gerade die Menschen in den früheren Stufen den Populisten Zulauf bescheren und das hängt damit zusammen, dass vielen Menschen derzeit zu viele und zu schnelle Veränderungen Probleme bereiten.

Genau da müssen aber unsere Politiker jetzt ansetzen, Zusammenhänge besser erklären und Veränderungen auf den Weg bringen, statt die üblichen “Das war immer so”-Regelungen nur geringfügig zu modifizieren. Eigentlich könnte eine SPD als die Partei, die deutlich weniger konservativ ist als die Unions-Parteien, damit punkten, wenn man sich neue Modelle überlegt (was in Ansätzen derzeit ja auch probiert wird).

Wer jetzt aber schon zusammenzuckt, weil man weder ein BGE noch eine fundamental veränderte Welt vorfinden möchte, den kann ich (erst mal) beruhigen. So einen Wandel vollzieht ein Volk nicht über Nacht und auch nicht in wenigen Jahren. Das braucht Zeit und wird sicher schwierige Auseinandersetzungen mit sich bringen. Aber ich bin sicher, dass wir solchen Zeiten entgegen streben. Zeiten, in denen wir uns lieber selbstverwirklichen statt uns über Lohnarbeit zu definieren und in der Werte wie Nationalität immer mehr in den Hintergrund rücken. Wie sind eure Meinungen dazu?

Quelle: Spiegel.de

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